{"id":1293,"date":"2023-02-07T12:02:00","date_gmt":"2023-02-07T11:02:00","guid":{"rendered":"http:\/\/dgg-ev-bonn.de\/?p=1293"},"modified":"2023-03-07T15:49:30","modified_gmt":"2023-03-07T14:49:30","slug":"7-2-2023-volkmar-sigusch-ist-am-7-2-verstorben-stellvertretend-stehen-zwei-zeitungsberichte-als-nachruf-und-die-erinnerung-an-ein-erfolgreiches-sexualwissenschaftliches-institut-sowie-ein-schatz-v","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dgg-ev-bonn.de\/index.php\/2023\/02\/07\/7-2-2023-volkmar-sigusch-ist-am-7-2-verstorben-stellvertretend-stehen-zwei-zeitungsberichte-als-nachruf-und-die-erinnerung-an-ein-erfolgreiches-sexualwissenschaftliches-institut-sowie-ein-schatz-v\/","title":{"rendered":"7.2.2023 &#8211; Volkmar Sigusch ist am 7.2. verstorben. Stellvertretend stehen zwei Zeitungsberichte als Nachruf und die Erinnerung an ein erfolgreiches sexualwissenschaftliches Institut sowie ein Schatz von wissenschaftlichen Werken als Verm\u00e4chtnis."},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Zur Erinnerung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn die wissenschaftlichen Arbeiten von Sigusch f\u00fcr uns nicht prim\u00e4r von Bedeutung sind, geh\u00f6ren sie doch auch in den Aus- und Fortbildungsbereich der Sexualp\u00e4dagogik. Insbesondere die letzten Werke als wissenschaftliches Verm\u00e4chtnis: &#8222;Geschichte der Sexualwissenschaft&#8220; und &#8222;Personenlexikon der Sexualforschung&#8220; werden als Standardwerke in die Annalen der Sexualwissenschaft einen geb\u00fchrenden Platz finden. &#8211; Sie bereichern auch das Archiv der DGG.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>2006<\/strong> <strong>Stellungnahme der DGG zur Aufl\u00f6sung des Instituts f\u00fcr Sexualwissenschaft<\/strong> am Klinikum der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt\/Main durch den bisherigen Direktor Volkmar Sigusch :<\/p>\n\n\n\n<p>Wir meinen, es sei nicht gut, dass die &#8222;Schwulen-Interessen&#8220; in den bisherigen&nbsp;Stellungnahmen so stark herausgestellt werden. Diese wichtigen Interessen zu wahren, ist allerdings nicht&nbsp;vorrangige Aufgabe eines Universit\u00e4ts-Institus (sondern die eines&nbsp;Interessen-Verbandes. Und die gibt es ja, z T. auch lautstark vernehmlich).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir heben als DGG, als Interessen-Fach-Verband f\u00fcr Schul-Sexual-Bildung, in einer Stellungnahme die&nbsp;Bedeutung wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit dem Thema Sexuali\u00e4t in&nbsp;enger Verkn\u00fcpfung mit Therapien bei sexuellen Problemen, die mit der&nbsp;\u00fcblichen Ausbildung von Medizinern und Psychologen nicht sachgerecht zu&nbsp;leisten ist, hervor.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Insoweit sehen wir die Arbeit und die Ergebnisse des Instituts als Sekund\u00e4rbereich f\u00fcr unseren prim\u00e4ren der Sexualp\u00e4dagogik, insbesondere der Schul-Sexual-P\u00e4dagogik. Dazu ist uns au\u00dferdem sehr wichtig festzustellen, dass die anderen Universit\u00e4tsinstitutezu diesem Bereich nur in Norddeutschland (Hamburg,Kiel und Berlin)&nbsp;angesiedelt sind. Das ist eine enorme Belastung&nbsp;und Benachteiligung f\u00fcr therapiebed\u00fcrftige Menschen aus den s\u00fcdlicheren&nbsp;Regionen Deutschlands. Einerseits haben Betroffene keine direkte&nbsp;Anlaufstelle in der Frankfurter Universit\u00e4t, andererseits erschwert es die Fortbildung von (Sexual-) Therapeuten und Sexualp\u00e4dagogen in diesen Regionen. F\u00fcr eine&nbsp;idiologiefreie Sexualerziehung sind Forschungsergebnisse aus der&nbsp;Sexualwissenschaft unverzichtbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schlie\u00dfung des Instituts ist f\u00fcr uns ein wissenschaftliches Unding, auch eine Schw\u00e4chung des universit\u00e4ren Standorts Frankfurt\/Main.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2008<\/strong> <strong>Ein Interview mit Volkmar Sigusch, dem ehemaligen Direktor des Instituts f\u00fcr Sexualwissenschaft<\/strong> am Klinikum der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt\/Main&nbsp;Von&nbsp;&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/autoren\/N\/Sigrid_Neudecker\/index.xml\">Sigrid Neudecker<\/a> Quelle: DIE ZEIT, 17.7.2008 Nr. 30<\/p>\n\n\n\n<p><strong> <\/strong><em>https:\/\/www.zeit.de\/2008\/30\/OdE39<\/em>-Sex<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2023 Volkmar Sigusch ist am 7.2. verstorben<\/strong>. Stellvertretend stehen zwei Zeitungsberichte als <strong>Nachruf<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<div data-wp-interactive=\"core\/file\" class=\"wp-block-file\"><object data-wp-bind--hidden=\"!state.hasPdfPreview\" hidden class=\"wp-block-file__embed\" data=\"http:\/\/dgg-ev-bonn.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/2023-SiguschNachruf-Tagesspiegel-19.02.202332.pdf\" type=\"application\/pdf\" style=\"width:100%;height:600px\" aria-label=\"Einbettung von Einbettung von &lt;br&gt;2023-SiguschNachruf-Tagesspiegel-19.02.202332..\"><\/object><a href=\"http:\/\/dgg-ev-bonn.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/2023-SiguschNachruf-Tagesspiegel-19.02.202332.pdf\"><br>2023-SiguschNachruf-Tagesspiegel-19.02.202332<\/a><a href=\"http:\/\/dgg-ev-bonn.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/2023-SiguschNachruf-Tagesspiegel-19.02.202332.pdf\" class=\"wp-block-file__button\" download>Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Florian G. Mildenberger | Nachruf | 24.02.2023<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenfassung von Leben und Werk Volkmar Sigusch<br><\/p>\n\n\n\n<p>Geboren am 11. Juni 1940 als Sohn eines Bankdirektors im beschaulichen Bad Freienwalde, begann er nach dem Ende seiner Schulzeit ein Medizinstudium an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin. Kurz vor dem Mauerbau 1961 floh er zun\u00e4chst nach West-Berlin, bevor er sein Studium in Frankfurt am Main fortsetzte. Neben Medizin interessierte er sich f\u00fcr Literatur und die Sozialwissenschaften, h\u00f6rte Vorlesungen bei Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. In Frankfurt, dem Zentrum der Kritischen Theorie, erhielt Sigusch erste Impulse f\u00fcr sein sp\u00e4teres Lebenswerk: die Verbindung von \u00e4rztlicher Forschung, sozialwissenschaftlicher Themendurchdringung und politischer Bet\u00e4tigung. Ein solcher Impuls war der 1963 erschienene Sammelband Sexualit\u00e4t und Verbrechen,[1] in dem die Juristen Herbert J\u00e4ger und Fritz Bauer gemeinsam mit den Psychiatern Hans B\u00fcrger-Prinz und Hans Giese sowie zahlreichen anderen Gelehrten wie Adorno f\u00fcr eine Reform des Sexualstrafrechts warben. Sigusch f\u00fchlte sich thematisch angesprochen, wechselte nach Hamburg, wo B\u00fcrger-Prinz und Giese wirkten, und wurde dort 1966 mit einer Studie \u00fcber die Genese von Vorurteilen zum Dr. med. promoviert.<\/p>\n\n\n\n<p>Rund 850 wissenschaftliche Publikationen, darunter 51 Monografien, brachte Volkmar Sigusch im Laufe seines unerm\u00fcdlichen Gelehrtenlebens hervor. Zudem pr\u00e4gte er Fachausdr\u00fccke (\u201eCisgender\u201c) und Epochenbegriffe (\u201eneosexuelle Revolution\u201c), die in der wissenschaftlichen Diskussion seither gel\u00e4ufig und etabliert sind. Die letzten Jahre seines Lebens waren allerdings von dem bestimmt, was er selbst fr\u00fcher als \u201egeistige Umnachtung\u201c ironisiert und wovor er sich immer gef\u00fcrchtet hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>In den folgenden Jahren folgte unter g\u00fctiger F\u00f6rderung von B\u00fcrger-Prinz die Weiterbildung zum Facharzt f\u00fcr Psychiatrie. Zugleich wirkte Sigusch an der Seite von Hans Giese an der Entwicklung der Sexualforschung mit. Die von Giese und B\u00fcrger-Prinz dominierte Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Sexualforschung (DGfS) bewegte sich zu dieser Zeit auf wissenschaftlich d\u00fcnnem Eis. Das Erbe der von Magnus Hirschfeld begr\u00fcndeten Sexualwissenschaft hatte man ebenso ausgeschlagen wie die Erkenntnisse der Psychoanalyse. Stattdessen verlie\u00df man sich zur Einordnung der Menschen einerseits auf die zur Erkl\u00e4rung von Perversionen entwickelte Lehre von der \u201eS\u00fcchtigkeit\u201c des Arztes Viktor Emil v. Gebsattel, andererseits setzte man auf die Idee ph\u00e4nomenologisch festgelegter Faktoren menschlichen Handelns, aus denen sich eine Norm ableiten lasse. Die Gemeinschaft und ihre Werte standen in diesem System \u00fcber den Individualrechten. Um nicht in den Verdacht zu geraten, Konzepte der Rassenbiologie weiter zu tragen, lehnten sowohl B\u00fcrger-Prinz als auch Giese einen Rekurs auf genetische und konstitutionelle Vorbedingungen menschlichen Handelns strikt ab. Dadurch beraubten sie sich allerdings des zeitgen\u00f6ssisch wichtigsten Arguments zur Widerlegung der Strafw\u00fcrdigkeit homosexuellen Begehrens.<\/p>\n\n\n\n<p>In der ersten Phase seiner wissenschaftlichen T\u00e4tigkeit orientierte sich Sigusch an diesen diskursbestimmenden Vorgaben, nutzte sie aber zu eigenen Ans\u00e4tzen. So widerlegte er zusammen mit Gunter Schmidt in der Studie Arbeiter-Sexualit\u00e4t das \u00fcberkommene Vorurteil von den sexuell enthemmten Unterschichten[2] und spielte eine Schl\u00fcsselrolle bei Import und Rezeption des von William H. Masters und Virginia E. Johnson entwickelten Konzepts der Paartherapie. Grunds\u00e4tzlich lehnte Sigusch jeden \u201eZwang zur Gesundheit\u201c ab und \u00fcberwarf sich folgerichtig gemeinsam mit Gunter Schmidt und Eberhard Schorsch mit dem Lehrmeister Giese, als dieser 1969\/70 den Anh\u00e4ngern stereotaktischer Hirnoperationen zur Behandlung abweichenden Sexualverhaltens ein Forum in der DGfS bot. Nach dem Tod Gieses im Sommer 1970 war es B\u00fcrger-Prinz, der durch seinen Einfluss die weiteren Karrieren des Trios f\u00f6rderte, wodurch er sich selbst wiederum unantastbar machte. Sigusch wurde 1972 an der Universit\u00e4t Hamburg in Sexualwissenschaft habilitiert und Ende des Jahres auf einen neu geschaffenen Lehrstuhl f\u00fcr Sexualwissenschaft an der Goethe-Universit\u00e4t in Frankfurt am Main berufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier entfaltete er nun sein \u0152uvre als Propagandist einer kritischen Sexualwissenschaft. Er lehrte gleichzeitig an der Medizinischen Fakult\u00e4t und im Fachbereich Soziologie, etablierte die \u00c4rztefortbildung in Sexualwissenschaft und gab ab 1979 das Periodikum Sexualit\u00e4t konkret mit heraus; zudem begleitete er die Debatten um Sexualreform im Deutschen Bundestag als Gutachter und geladener Experte und koordinierte die Arbeit der DGfS. Neueste Forschungsergebnisse wurden z\u00fcgig in der Zeitschrift Sexualmedizin publiziert. In manchen Dingen aber blieb Sigusch ein stolzer Sohn seiner Lehrmeister. Obwohl ihm bewusst war, dass insbesondere im Zeitalter des New Age Heilpraktiker und Gesundheitsberater eine zentrale Rolle bei sexologischer und psychosomatischer Ratsuche spielten, lehnte er jedes Kooperationsangebot aus dieser Richtung ab. Auch weiterhin sollte nur \u00c4rzten die Hoheit \u00fcber die menschliche Psyche und den K\u00f6rper zustehen. Diese Doktrin setzte sich in der Beratung und Verabschiedung des Transsexuellengesetzes 1980 fort.<\/p>\n\n\n\n<p>Kritik an den Grundfesten der eigenen Wertordnung und des eigenen Wissenschaftsverst\u00e4ndnisses verbat sich Sigusch in dieser Zeit. Infolgedessen widersetzte er sich hartn\u00e4ckig der so genannten \u201eHirschfeld-Renaissance\u201c zu Beginn der 1980er-Jahre, indem er Hirschfeld zum (unfreiwilligen) Pr\u00e4zeptor der nationalsozialistischen Rassenhygiene k\u00fcrte. Das fiel ihm wenige Jahre sp\u00e4ter auf die F\u00fc\u00dfe, als auf einer Tagung der DGfS in Hannover 1985 sein Kollege Friedemann Pf\u00e4fflin kritische Fragen nach der Rolle von B\u00fcrger-Prinz im Dritten Reich stellte. Dabei machte Pf\u00e4fflin auch geltend, dass bestimmte Elemente Siguschschen Denkens ihren Ursprung in den 1930er-Jahren bes\u00e4\u00dfen. Siguschs Zorn war gnadenlos. Es folgten verheerende, die DGfS fast zerrei\u00dfende Dispute. Tats\u00e4chlich sollte es bis zum Jahre 2019 dauern, ehe sich Siguschs Mitstreiter Gunter Schmidt zu der Aussage durchrang, dass die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Einfl\u00fcsse auf die westdeutsche Nachkriegssexualforschung mit den Recherchen von Friedemann Pf\u00e4fflin begann.[3] Die sich ebenfalls in den 1980er-Jahren entfaltende Debatte \u00fcber den Umgang mit HIV\/AIDS unterbrach den ausgebrochenen Streit. Sigusch schwang sich erneut zum Verteidiger der sexuellen Freiheit auf, suchte und fand erfolgreich politische Verb\u00fcndete und richtete gemeinsam mit Schorsch und Schmidt die DGfS neu aus. Au\u00dferdem zerlegte er erfolgreich die Lehren des DDR-Endokrinologen G\u00fcnter D\u00f6rner, der mit seinen Ausf\u00fchrungen zu Homosexualit\u00e4t als hormonell bedingter und heilbarer Krankheit f\u00fcr Furore gesorgt hatte. Doch Sigusch hatte erkannt, dass er die Einlassungen seiner Lehrer hinter sich lassen musste. Zielsicher vers\u00f6hnte er die psychiatrische Sexualwissenschaft mit der Psychoanalyse und avancierte 1987 zum Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Zeitschrift Psyche. Ein Jahr sp\u00e4ter lancierte er mit seinen Mitstreitern im Thieme-Verlag die Zeitschrift f\u00fcr Sexualforschung.<\/p>\n\n\n\n<p>In den 1990er-Jahren rezipierte Sigusch die neuesten Erkenntnisse internationaler sozialwissenschaftlicher Forschungen, integrierte die Gender Studies in die sexualwissenschaftlichen Lehrwerke, begleitete kritisch die Entwicklung des Sexualstrafrechts und lie\u00df nebenbei durch Peter von R\u00f6nn die Verwicklungen seines vormaligen Lehrers B\u00fcrger-Prinz in den Nationalsozialismus erforschen.[4] Sigusch wurde so deutlich, wie wichtig es war, nicht nur die Gegenwart zu erforschen, sondern auch die Geschichte zu beherrschen. Infolgedessen begann er mit Vorarbeiten zu einer Geschichte der eigenen Disziplin und ihrer wichtigsten Vertreter. Beide Werke sollten 2008 beziehungsweise 2009 erscheinen.[5] Dar\u00fcber hinaus rettete Sigusch mit finanzieller Unterst\u00fctzung durch Jan Philipp Reemtsma zahlreiche sexualhistorisch wertvolle B\u00fccher und Zeitschriften und machte sie Forschern zug\u00e4nglich. An den sexualgeschichtlichen Debatten der fr\u00fchen 2000er-Jahre nahm er regen Anteil durch eine Publikation \u00fcber den Juristen Karl Heinrich Ulrichs, den er zum \u201eersten Schwulen der Weltgeschichte\u201c k\u00fcrte.[6] Doch nicht nur Vergangenheit und Gegenwart besch\u00e4ftigten Sigusch, er stellte auch Fragen nach zuk\u00fcnftigen Entwicklungen. Sigusch nahm die 2000er-Jahre als Projektionsfl\u00e4che: Alte Streitpunkte um sexuelle Befreiung, marxistische und alternative Gesellschaftsentw\u00fcrfe oder der Wunsch nach Emanzipation von der kapitalistischen Gesellschaft hatten an Bedeutung verloren zugunsten von W\u00fcnschen nach Homo-Ehe, Integration in die postmoderne Dienstleistungsgesellschaft oder zumindest Teilhabe an politischer Macht. Dadurch ver\u00e4nderte sich das Diskursfundament, welche sexuelle Variationen als gesellschaftsgenehm oder pathologisch angesehen wurden. An die Stelle fester Vorstellungen von Werten oder Normen r\u00fcckten variable Begriffe und so entwickelte Sigusch das Konzept von den \u201eNeosexualit\u00e4ten\u201c.[7]<\/p>\n\n\n\n<p>Nur eines entging ihm bei seinen rastlosen Bem\u00fchungen: dass auch er selbst kein vollkommen autonomer Akteur, sondern ebenfalls ein Produkt des Zeitgeistes war. Seine Professur und das Frankfurter Institut waren nicht aus dem Nichts entstanden, sondern weil die politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen der fr\u00fchen 1970er-Jahre die Errichtung einer solchen Institution beg\u00fcnstigt hatten. Sigusch vernachl\u00e4ssigte sp\u00e4testens seit der zweiten H\u00e4lfte der 1990er-Jahre den wissenschaftlichen Austausch mit den Kollegen an der Frankfurter Universit\u00e4t und ignorierte die Trends der genetischen Forschung. Dar\u00fcber hinaus \u00fcberging er die Tatsache, dass seine eigenen Einsch\u00e4tzungen zur Jugendsexualit\u00e4t zunehmend in die Kritik gerieten. Stattdessen sammelte er Meriten und lie\u00df sich auf internationalen Tagungen feiern. 2005 erhielt er sein eigenes Stichwort im Brockhaus. Umso gr\u00f6\u00dfer war der Katzenjammer, als die Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt und das Land Hessen nach Siguschs Emeritierung im Jahr 2006 keinen Zweifel daran lie\u00dfen, dass sie das Institut f\u00fcr Sexualwissenschaft nicht erhalten w\u00fcrden. Erleichtert wurde die von Protesten begleitete Entscheidung durch die Tatsache, dass es Sigusch in 30 Jahren nicht gelungen war, einen Nachfolger aufzubauen. S\u00e4mtliche m\u00f6glichen Kronprinzen hatten nacheinander das Handtuch geworfen oder waren entlassen worden. So blieben Sigusch die Rolle des Historiografen seiner Selbst und die T\u00e4tigkeit als niedergelassener Arzt. An der Entscheidung von Universit\u00e4t und Land sparte er nicht mit Kritik. So sei die Sexualwissenschaft nun dazu verdammt, wieder Teil der Psychiatrie zu werden. Aber war das nicht die Position, die Sigusch als Sch\u00fcler von Giese und B\u00fcrger-Prinz urspr\u00fcnglich selbst vertreten hatte? So bleibt sein Erbe zwiesp\u00e4ltig. Die von ihm koordinierten Lehrb\u00fccher und Forschungsarbeiten sind von bleibendem Wert, ebenso seine Verdienste als gesellschaftlicher Aufkl\u00e4rer und Vork\u00e4mpfer f\u00fcr eine Liberalisierung der Sexualit\u00e4t, \u00fcber die heute anders und freier gesprochen wird als vordem. Zur Wahrheit geh\u00f6rt aber auch, dass die Sexualwissenschaft wieder im wissenschaftlichen Prekariat angelangt ist. Sigusch ist nun selbst Geschichte und wird bald Gegenstand historiografischer Forschungen sein. Die Zeit wird zeigen, was von seinem Erbe bleibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Erinnerung Auch wenn die wissenschaftlichen Arbeiten von Sigusch f\u00fcr uns nicht prim\u00e4r von Bedeutung sind, geh\u00f6ren sie doch auch<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1293","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dgg-ev-bonn.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1293","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dgg-ev-bonn.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dgg-ev-bonn.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dgg-ev-bonn.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dgg-ev-bonn.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1293"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/dgg-ev-bonn.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1293\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1297,"href":"https:\/\/dgg-ev-bonn.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1293\/revisions\/1297"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dgg-ev-bonn.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1293"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dgg-ev-bonn.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1293"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dgg-ev-bonn.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1293"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}