{"id":1055,"date":"2021-11-12T08:25:00","date_gmt":"2021-11-12T07:25:00","guid":{"rendered":"http:\/\/dgg-ev-bonn.de\/?p=1055"},"modified":"2021-11-19T17:13:24","modified_gmt":"2021-11-19T16:13:24","slug":"12-dezember-2021-gegen-vergessen-die-dgg-gedenkt-judith-essermittag-zum-100-geburtstag-sie-war-ist-und-bleibt-das-gesicht-der-marke-ob","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dgg-ev-bonn.de\/index.php\/2021\/11\/12\/12-dezember-2021-gegen-vergessen-die-dgg-gedenkt-judith-essermittag-zum-100-geburtstag-sie-war-ist-und-bleibt-das-gesicht-der-marke-ob\/","title":{"rendered":"12. November 2021 &#8211; Gegen Vergessen &#8211;  Die DGG gedenkt Judith EsserMittag zum 100. Geburtstag.        Sie war, ist und bleibt das Gesicht der Marke &#8222;ob&#8220; &#8211;"},"content":{"rendered":"\n<p>&#8222;2010 hat sie die Geschichte vom o.b. Tampon geschrieben &#8211; quasi als Verm\u00e4chtnis. Wir gedenken unseres verdienten Ehrenmitgliedes insbesondere am Geburtstag, am 12.11.192, und Todestag, am 11. Mai 2020. Frau Esser hat sich um die M\u00e4dchen- und Frauenhygiene und die Sexualbildung in und au\u00dferhalb der Schule verdient gemacht&#8220;, so der Vorsitzende Linus Dietz in W\u00fcrzburg.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Geschichte vom o.b. Tampon<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Idee kam Dr. Carl Hahn, dem in den Westen gefl\u00fcchteten gesch\u00e4ftsf\u00fchrenden Gesellschafter der Auto Union, bei der zuf\u00e4lligen Lekt\u00fcre einer Tamponwerbung in einer weggeworfenen amerikanischen Illustrierten, die er vom Boden aufgehoben hatte. Tampons &#8211; das war&#8217;s doch! Tampons w\u00fcrden die Vorlagen abl\u00f6sen, die in der Nachkriegszeit qualitativ zu w\u00fcnschen \u00fcbrig lie\u00dfen. Sie brauchten nur ein F\u00fcnftel der f\u00fcr Binden eingesetzten Materialmenge, waren also deutlich \u00f6konomischer. Und der Gedanke bestach, dass im Gegensatz zu Autos ein Menstruationsschutz immer gebraucht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Juristen Dr. Heinz Mittag war Hahn noch in Sachsen begegnet, die beiden hatten sich f\u00fcr die Zeit nach dem Krieg verabredet. Sie trafen sich am Rhein und machten sich daran, die Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Wochen- und monatelang reisten sie durch die drei westlichen Besatzungszonen, um einen Fabrikanten zu finden, der bereit und in der Lage war, einen Automaten zu Herstellung von Tampons zu bauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen war klar geworden, dass die Herren frauen\u00e4rztliche Unterst\u00fctzung brauchten. Diese wurde gesucht und gefunden in der Landesfrauenklinik Wuppertal, deren Direktor Professor K.- J. Anselmino das Projekt vorbehaltlos begr\u00fc\u00dfte. Er benannte&nbsp;<strong>seine Assistentin Dr. Judith Esser<\/strong>&nbsp;f\u00fcr die Zusammenarbeit und stellte seine Kontakte zu weiteren Meinungsbildnern und Spezialisten im akademischen Bereich zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n\n\n\n<p>So wurde der ab. Tampon in der Form entwickelt, die er heute noch hat: ein f\u00fcnf Zentimeter breiter Wickel aus Verbandwatte, gepresst auf einen Durchmesser von 2,5 cm um die Einf\u00fchrung zu erleichtern &#8211; diese mu\u00dfte im Gegensatz zu dem amerikanischen Prototypen nicht mithilfe eines Applikators aus Pappe bewerkstelligt werden. Erst 1960 wurde in einem amerikanischen Lehrbuch die Information entdeckt, dass das Herstellungsprinzip schon in der Antike bekannt war: Hippokrates (460-473 B.C.) beschrieb einen Menstruationsschutz in Form von R\u00f6llchen aus Baumwollfasern. Alles schon mal da gewesen! &#8211; das wirklich Neue am Tampon war die M\u00f6glichkeit der industriellen Massenfertigung.<\/p>\n\n\n\n<p>In Wuppertal wurde eine kleine Verbandstofffabrik erworben, um das Know-how der Watteverarbeitung zu sichern. Ein Konstrukteur wurde gewonnen, der Erfahrung mit dem Bau von Zigarettenmaschinen hatte &#8211; auch da wird gewickelt. Ludwig von Holzschuher, Werbeberater in M\u00fcnchen, hatte die Idee, je zehn Tampons in die Gebrauchsanweisung zu verpacken und das Ganze zu cellophanieren. Als Markennamen schlug er &#8222;ab.&#8220; vor (- &#8222;ohne Binde&#8220;). Der Name war unauff\u00e4llig auszusprechen, das gefiel den Konsumentinnen. Der Konkurrenz hingegen gefiel der Name \u00dcberhaupt nicht, sie \u00dcberzog das junge Unternehmen mit einer Serie von Prozessen, weil &#8222;ohne Binde&#8220; als herabsetzend empfunden wurde. Der erkl\u00e4rende Zusatz musste gestrichen werden, aber es gelang nicht, die aufkommende Neuerung zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Als N\u00e4chstes war der Vertrieb in die Wege zu leiten. Das junge Unternehmen konnte sich keine Verkaufsorganisation leisten, 13 selbstst\u00e4ndige Handelsvertreter \u00dcbernahmen das Produkt auf eigene Rechnung Gefahr. Sie waren mit ihren DKW-Schnelltransportern unterwegs, die als B\u00fcro und Lager und manchmal auch zum \u00dcbernachten dienten. Stolz pr\u00e4sentierten sie im Handel eine innovative Verkaufshilfe: Ein sogenannter &#8222;Stummer Verk\u00e4ufer&#8220;, ein chromblitzender Aufsteller, in dem zw\u00f6lf Packungen o.b. \u00dcbereinander geschichtet waren. Die Kundin konnte unten ein P\u00e4ckchen entnehmen und es an der Kasse zwecks Bezahlung hinlegen, ohne ein Wort \u00dcber die Lippen zu bringen &#8211; damals war das ja alles noch so peinlich &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Am 13.3.1950 gingen die ersten o.b. Tampons \u00fcber den Ladentisch. Nun sollten die Binden \u2014&nbsp;diese zwar unbequeme, aber doch \u00fcbersichtliche Verfahrensweise \u2014 durch ein Watter\u00f6llchen&nbsp;ersetzt werden, das im K\u00f6rper verschwand&#8230; Wohin wohl? L\u00f6ste es sich auf wie eine Tablette?&nbsp;Verstopfte es wie ein Flaschenkorken? Wanderte es im K\u00f6rper umher wie eine verirrte Pistolenkugel?? Es war offenkundig, da\u00df zwischen dem, was damals in der Werbung und in&nbsp;Drucksachen gesagt werden durfte und dem, was die Frauen der F\u00fcnfziger Jahre \u00fcber ihren&nbsp;K\u00f6rper und seine Funktionen wussten, ein breiter Streifen Niemandsland lag.<\/p>\n\n\n\n<p>Die wenigsten M\u00fctter brachten es fertig, ihre heranwachsenden T\u00f6chter \u00fcber die Menstruation zu informieren. In den Schulen war es nicht \u00fcblich, auf das Thema einzugehen. Noch 1968 gab&nbsp;es Biologieb\u00fccher, in denen die Geschlechtsorgane nicht vorkamen. Der Mensch, eine Phantomzeichnung, war mit einer Badehose bekleidet, und w\u00e4hrend der Brustkorb aufgeklappt&nbsp;und die Bauchh\u00f6hle er\u00f6ffnet und das R\u00fcckgrat von vorne sichtbar wurde, blieb die Badehose&nbsp;-z\u00fcchtig an ihrem Platz. Der &#8222;Gl\u00e4serne Mensch&#8220;, von manchen fortschrittlichen Schulen als&nbsp;Unterrichtshilfe angeschafft, war ein Neutrum: Das kleine Becken war leer. Wenn man die&nbsp;dorthin geh\u00f6rigen Teile f\u00fcr das Modell erwerben wollte, musste man sie unter einer gesonderten&nbsp;Nummer extra bestellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war offenkundig: Hier wurde nicht nur ein Produkt verkauft, sondern an einem&nbsp;soziokulturellem Proze\u00df gearbeitet. Das Unternehmen entschied sich f\u00fcr systematische&nbsp;Aufkl\u00e4rung. Informationskreise f\u00fcr \u00c4rzte, Gespr\u00e4chsrunden mit Journalisten wurden ins Leben&nbsp;gerufen, mit Frauenorganisationen und Sportvereinen kooperiert, Informationsmaterial entwickelt, eine fl\u00e4chendeckende Verbraucher- und Telefonberatung etabliert. Mitte der&nbsp;Sechziger Jahre begann die Werbung im Klartext zu argumentieren. Aufkl\u00e4rung per&nbsp;Zeitschriftenanzeige \u2014 das war neu! Die ganzseitigen Anzeigen wurden von Anfang an begierig&nbsp;aufgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Oktober 1968 empfahl die st\u00e4ndige Konferenz der Kultusminister, in allen Schulen der&nbsp;Bundesrepublik den Sexualkundeunterricht einzuf\u00fchren. Nun konnte das Unternehmen sein&nbsp;Know-how einsetzen mit dem Schulpaket; mit dem Erste-Regel-Set; mit dem Telefonservice, bei&nbsp;dem die M\u00e4dchen nur zuh\u00f6ren, keine Fragen zu stellen brauchten, und mit der Brosch\u00fcre \u201e50 Tage im Jahr&#8220;, in der den Fragen zur Menstruation und ihre Hygiene der geb\u00fchrende Platz&nbsp;einger\u00e4umt wurde \u2014 selbst der Sexualkundeatlas des Gesundheitsministeriums \u00fcberging dieses&nbsp;Thema! Diese Ver\u00f6ffentlichung hat ungew\u00f6hnliches Aufsehen erregt, viel ist \u00fcber sie&nbsp;gesprochen und geschrieben worden. Lehrkr\u00e4fte in gro\u00dfer Zahl haben um \u00dcbersendung von&nbsp;Unterrichtsmaterial gebeten. Auch viele \u00c4rzte bekundeten ihr Interesse und begr\u00fc\u00dften die&nbsp;M\u00f6glichkeit, ihre Patientinnen umfassend zu unterrichten Noch nie gab es so viele wissbegierige&nbsp;Zuschriften, und die Nachfrage nach Informationspackungen \u00fcberrollte das Unternehmen&nbsp;f\u00f6rmlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich f\u00fchrten die jahrzehntelangen Bem\u00fchungen um eine breite Aufkl\u00e4rung zum Durchbruch,&nbsp;dabei half das gesellschaftliche Klima in diesen Jahren. Die \u201eo.b.-Flygiene&#8220; ist mit der&nbsp;Entwicklung des aktiven und weltoffenen Frauentyps eng verkn\u00fcpft. Tampons sind eben mehr&nbsp;als ein Gebrauchsartikel, sie ber\u00fchren den Kern des Frauenlebens, und sie machen alles mit, was&nbsp;Frauen mitmachen. In den 70er Jahren standen 100 o.b.-Automaten in allen Teilen der Welt,&nbsp;mehr als eine Milliarde Tampons pro Jahr wurden schon damals in sechzig L\u00e4ndern verkauft. In&nbsp;Deutschland konnte der Hersteller den gr\u00f6\u00dften Anteil am Markt f\u00fcr Menstruationsschutz \u00fcbernehmen und war \u2014 weit \u00fcber seine kommerziellen Interessen hinaus \u2014 als eine starke&nbsp;treibende Kraft auf dem Gebiet der Gesundheitserziehung wahrgenommen und anerkannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dr Judith Esser Mittag, 2010<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;2010 hat sie die Geschichte vom o.b. Tampon geschrieben &#8211; quasi als Verm\u00e4chtnis. 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